Sierra Leone & Liberia

Sierra Leone & Liberia

13th Dezember 2018 6 Von Maxi Brommer

Sierra Leone ist laut dem aktuellen Bericht der Weltbank das 9. ärmste Land der Welt und wohl jedem ist der Name ein Begriff. Über zehn Jahre gab es in Sierra Leone und dem Nachbarland Liberia einen Bürgerkrieg, der über 250.000 Tote erforderte und so grausam geführt wurde, dass einem schon ganz anders wird, wenn man nur davon liest. Die Gründe sind vielschichtig und komplex, es geht um Macht, Edelsteine, Kindersoldaten, Militärputsche. Die Liste lässt sich schier endlos weiterführen.
Vor 15 Jahren sind die letzten UN-Soldaten abgezogen und die Region hat sich weitestgehend stabilisiert. Die große Ebola-Epidemie 2014 hat sowie in Sierra Leone, als auch in Guinea und Liberia, jeglichen wirtschaftlichen Fortschritt zu Nichte gemacht und die Länder um Jahre zurückgeworfen.

Ich habe Fieber, bin total fertig und dämmere auf dem Beifahrersitz vor mich hin. Die Einreiseformalitäten kriege ich noch mit, den weiteren Tag eher weniger.
Wir weigern uns Straßenzoll zu zahlen und kommen damit durch (halb mitgekriegt). Wir haben keine Landeswährung und können an der Mautstation nicht zahlen, ein Soldat schenkt uns dafür Geld (nicht mitgekriegt). Wir wollen im hellen in Freetown ankommen und fahren so schnell, dass wir drei Checkpoints überfahren (nicht mitgekriegt). Ein gepanzerter SUV, mit bewaffneten Personenschützern und einem Politiker eskortiert uns in die Stadt (halb mitgekriegt). Wir finden Herberge in einer katholischen Mission (halb mitgekriegt).

Am nächsten Morgen bin ich zum Glück wieder fit und wir machen uns auf das Visa für Liberia zu beantragen. Leider ist dort Feiertag und die Botschaft in Freetown geschlossen. Wir hämmern solange an die Pforte, bis uns der Sekretär, der auf dem Gelände zu wohnen scheint, verschlafen die Tür aufmacht. Heute gibt es keine Visas, wir sollen morgen wieder kommen.
Wir brauchen das Visa aber irgendwie jetzt, Jan fliegt in ein paar Tagen aus der Elfenbeinküste nach Hause und bis dahin sind es mindestens fünf harte Tage Fahrt.
Da trifft es sich gut, dass der Sekretär ganz begeistert von unserer Geschichte ist. Touristen sieht man selten in Sierra Leone. Solche die mit dem Auto aus Europa kommen, gibt es überhaupt nicht.
Wir laden ihn zum Frühstück ein und bekommen ihn soweit, dass er den Botschafter Liberias anruft. Der stimmt zu – in einer Stunde sollen wir in der Botschaft sein, mit all unseren Papieren. In Europa wäre so etwas undenkbar, aber in Afrika läuft alles anders.
Wir sind auf dem Weg zurück zur Botschaft und quälen uns durch die Staus von Freetown. Polizeicheckpoint. Als sie unsere Kennzeichen sehen, sprinten sofort drei Polizisten auf uns zu. Inzwischen sind wir dazu übergegangen uns gar nicht mehr anzuhören, was sie zu sagen haben. Über die Gegenspur fahre ich mit Warnblinker und Lichthupe an der Kolonne vorbei, weiche in wildem Slalom dem Gegenverkehr aus. Die Polizisten verfolgen uns mit Motorrädern, aber an einem chaotischen Kreisverkehr schaffe ich sie abzuschütteln.
Ein paar Kurven weiter ist niemand mehr zu sehen, Jan springt aus dem Auto und kopiert unsere Dokumente für das Visa.
Plötzlich ist die Polizei wieder da und umstellt mein Auto. Sie wollen meinen Pass, aber ich weigere ihnen irgendwas zu geben.
Dann wird es ungemütlich, ich soll sofort aus dem Wagen steigen, ich bin festgenommen und werde zur Wache gebracht. Mein Gehirn rattert, aber ich bin blank und stecke richtig in der Scheiße. Ich sehe mich schon für ein paar Tage in einer Zelle in Freetown verschwinden, bis mir einfällt, dass gegenüber der Botschaft Liberias die Britische Botschaft thronte. Ich fange an zu behaupten, ich hätte dort einen Termin, sie können mich gerne begleiten und wir regeln die Angelegenheit vor Ort. Die dreiste Lüge wirkt, sofort ändert sich der Gesichtsausdruck des wortführenden Polizisten. Der Officer fängt an herumzudrucksen, schaut das Auto an, schaut mich an, schaut wieder das Auto an. Er murmelt irgendetwas von einer Verwarnung, pfeift seine Hilfsheriffs zurück und verschwindet. Gerade nochmal davon gekommen.
In der Botschaft angekommen wartet Liberias Botschafter schon mürrisch auf uns. Morgen können wir wieder kommen, dann könnten wir unsere Pässe eventuell wieder haben. Ein 50 Dollarschein lässt seine Meinung schnell ändern und nach zehn Minuten haben wir unsere Visa und machen uns Richtung Liberia.

Die nächsten Tage kämpfen wir uns durch den Schlamm von Sierra Leone. Teilweise durchfahren wir Wasserlöcher, bei denen die Schlammbrühe über der Motorhaube zusammenschlägt.
Wir erreichen die Grenze zu Liberia und sind gleich wieder der Korruption afrikanischer Behörden ausgesetzt. Diesmal behauptet das Gesundheitsamt in Sierra Leone Jan und Matthias, der Schweizer Motorradfahrer, hätten keine Choleraimpfung. Das stimmt zwar, aber sie wird auch für die Einreise nicht benötigt. Sie sollen zurück nach Conakry fahren, oder sie erkaufen sich eine „Ausnahmeregelung“. Ich muss innerlich laut lachen, die lassen sich echt immer wieder etwas Neues einfallen.
Matthias hat gleich hinter der Schranke geparkt und fährt davon, Jan flüchtet zu Fuß über die Grenze. Ich verbleibe im Auto, zwar mit Choleraimpfung, aber man will mich nicht ausreisen lassen. Zehn Leute schreien und toben um mein Auto herum, aber meine Fenster sind hochgekurbelt und meine Türen abgesperrt. Langsam rolle ich auf die Kette zu, die Sierra Leone von Liberia trennt. Keiner macht Anstalten sie herunterzulassen, ich rolle weiter, die Kette spannt sich über den Kühler. Draußen wird geschrien, gleich wird sie reißen, dann merken die Grenzer, dass sie hier nichts holen können und lassen mich passieren.

Wir sind in Liberia, das zweitärmste Land der Welt. Trotzdem sind die Leute freundlich und freuen sich uns zu sehen. Und auch wir freuen uns ein Land kennenzulernen, dass wie Sierra Leone kaum bereist wird. Etwas befremdlich ist uns allerdings, dass die Einwohner immer noch ihren alten Präsident, Charles Taylor, verehren. Der spielte in Sierra Leones und Liberias Bürgerkrieg eine führende Rolle und sitzt momentan eine lebenslange Haftstrafe in London ab. Auch sonst ist die politische Führung eher seltsam. Präsident ist George Weah, ehemals einer der besten Fußballspieler des Kontinents, Vizepräsident ist die Frau von Charles Taylor. Naja, als Weißer muss man auch nicht alles verstehen.

Auch mein Auto wirft mir Fragen auf, seit ein paar Kilometern leuchtet der Batteriewarnhinweis und die Stromspannung nimmt merklich ab. In Monrovia angekommen, ist das Licht des Autos kaum mehr wahrzunehmen und auch das Fernlicht hat kaum mehr Strahlkraft als das meines Handys. Am nächsten Morgen springt das Monster zwar noch an, aber nach zwei Stunden Fahrt fallen sämtliche elektronische Systeme aus. Zuerst der Drehzahlmesser, dann die Geschwindigkeitsanzeige. Die Autobatterie lädt nicht mehr, wenn man jetzt den Motor ausmacht, wird er nicht mehr anspringen.
Wir halten in einem kleinen Dorf und fragen uns nach einem Mechaniker durch. Schnell ist klar, ein Elektriker wird auch benötigt. Wir erregen jede Menge Aufmerksamkeit, das Auto ist von einer großen Menschenmenge umkreist. Der Elektriker und der Mechaniker rekrutieren noch einen Jungen als Helfer, zu dritt bauen sie die Lichtmaschine aus und anschließend diese auseinander. Mit einem selbstgebastelten Stromkreislauf, an dessen Ende eine eine kleine Lampe ist und einer Autobatterie testen sie die Spannung. Aus dem Nichts kommt ein Ersatzteil heran, alles wird wieder zusammengebaut und nach drei Stunden fahren wir weiter. Afrikas Buschmechaniker sind berühmt und bisher haben sie alle mein Auto wieder flott gekriegt.

Seit Guinea ist Wildcampen aus Sicherheitsgründen keine Option mehr, wir schlafen meist in kleinen Herbergen oder Guesthäusern entlang der Straße. Entweder im Auto auf dem Parkplatz, ab und an nehmen wir uns auch ein Zimmer. Die großen Hotels befinden sich allesamt in den Hauptstädten, wir können sie uns aber sowieso nicht leisten und meiden so weit es geht die Staus der Metropolen.
So steigen wir jeden Abend in mehr oder weniger guten Adressen ab.
Aber auch wir haben unseren Standard längst dem afrikanischen angepasst. WiFi und klimatisierte Räume gibt es seit Wochen nicht mehr, ein sich schnell und leise drehender Ventilator ist Luxus für uns. Meisten dreht er sich aber langsam, laut und macht dafür keinen Wind.
Auch die Zeit des Warmwassers und der Toiletten mit Sitz sind seit Dakar vorbei und Duschen, wie wir sie kennen, werden immer seltener. Statt dessen gibt es einen Eimer mit kaltem Wasser und einer Kelle.

Morgen erreichen wir die Elfenbeinküste, wo sich die Sicherheitslage rund um den Grenzübergang in den letzten Wochen immer weiter verschlechtert hat. Kein Grund zur Panik, die lokale Bevölkerung gibt grünes Licht.