Marokko – Teil 3

Marokko – Teil 3

27th October 2018 3 By Maxi Brommer

Weiter geht es Richtung Küste, wir kommen an Marrakesch vorbei, was uns allerdings zu touristisch und hektisch ist. Wir halten nur kurz um das Treiben vor der Koutoubia Moschee zu beobachten und den Muezzin schreien zu hören, danach habe wir genug von dem Trubel und fahren ans Meer. Wir campen direkt an steilen Klippen in einem kleinen, maroden Fischerdorf. Die Hälfte des Dorfes wurde erst kürzlich von Bulldozern der Regierung zerstört – Schwarzbauten, die nicht genehmigt waren.
Die einheimischen Bevölkerung hier ist gastfreundlich und gleichzeitig neugierig, alle fünf Minuten kommt jemand um sich über unser Befinden zu erkundigen. Schnell driften die Gespräche aber immer in die gleiche Richtung. Wie viel kann man in Europa verdienen? Was muss ich tun um eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen? Obwohl die Bevölkerung in Marokko nicht arm ist, zieht es jeden nach Europa um dort das „große“ Geld zu verdienen.

 

Vier Tage ist Elena noch da und wir beschließen nochmal ins Gebirge zu fahren, wo Marokko nicht so dicht besiedelt ist und man mit dem Defender an wirklich unberührte und exponierte Stellen kommt. Wir sind off-road und auf kleinen Pisten unterwegs, riesige Felswände erstrecken sich links und rechts der Straße, als es dunkel wird und wir keinen Schlafplatz mehr finden. In einem der selten Dörfer, vielleicht zehn Häuser groß, fragen wir nach einem sicheren Platz für die Nacht. Kein Mensch spricht Französisch geschweige den Englisch, geschäftige Hektik bricht unter den Dorfbewohnern aus bis schließlich eine junge Frau geholt wird, die übersetzen kann. Wir erfahren, dass wir auf einer Beerdigung sind, ein 18-jähriges Mädchen ist gestern gestorben. Es ist uns unangenehm und wir wollen lieber weiterfahren, aber in Marokko hat Gastfreundschaft einen anderen Wert und es wir darauf bestanden das wir bleiben. Das Haus und die Leute sind einfach, aber unglaublich nett, es gibt nur einen Raum, alle sitzen am Boden. Es wird gekocht und wir essen Tajine und trinken Minztee mit der Familie und obwohl wir uns kaum verständigen können, fühlen wir uns nicht wie Fremde. Wir übernachten im Auto, neben dem Ziegenstall und den Eseln und werden erst durch das Geschrei der Kinder wach. Das ganze Dorf steht um unser Auto und begutachtet die seltenen Besucher, die in der Nacht angekommen sind. Wir würden gerne Kleidung, Medikamente, Zigaretten oder Stifte dort lassen, haben aber nichts. Wir kommen überein, dass Elena Ihnen aus Deutschland ein Päckchen schickt.

Zwei Tage bleiben uns noch und wir fahren abermals ans Meer. In der Dämmerung fahren wir uns hemmungslos in den weichen Dünen an einem einsamen Strand fest. Der erste Versuch das Auto am nächsten Tag zu befreien, endet damit das ich das Auto bis zum Differential versenke. Die Stimmung ist trotzdem gut, die Sandbleche kommen zum ersten Mal zum Einsatz und nach zwei Stunden graben ist der Defender wieder frei. Wir schauen auf die Karte, 60km offroad am Strand entlang nach Sidi Ifni, der nächsten, größeren Stadt. Der Tank ist schon auf Reserve, sollte aber reichen, rechne ich hoch. In den ersten zwei Stunden schaffen wir 8 Kilometer. Wir kommen zu einer langen Strandpassage und fahren auf einem 2 Meter breiten Kiessstrand entlang des Wassers. Grobe Kiesel, faustgroß. Das Differential ist schon gesperrt, trotzdem merke ich, wie sich die Räder bei Fahrt immer wieder eingraben. Inzwischen haben sich auch die Ränder des Kieselpfades angehoben, es ist kein Entkommen mehr nach links und rechts möglich. Mit viel Gas kommen wir einigermaßen vorwärts, bis der Defender trotz durchgedrücktem Gaspedal und niedrigem Gang immer langsamer wird und dann feststeckt. Links 30 Meter brechen die Wellen auf den Sandstrand, gerade ist Ebbe. Vor meinem inneren Auge sehe ich schon die Flut kommen. Menschen haben wir schon seit mehreren Stunden nicht mehr gesehen. Rechts ist ein kleiner Pfad, allerdings ist die Böschung des Kieselbetts auf beiden Seiten schon über eineinhalb Meter hoch und wir stecken außerdem fest. Zum ersten Mal in drei Wochen steigt der Blutdruck. Obwohl die Räder sich nicht eingegraben haben, bewegt sich das Auto keinen Zentimeter vorwärts. Ich schalte die Untersetzung dazu, ohne Erfolg. Wenden ist auch nicht möglich, der einzige Weg bleibt Rückwärts in der eigenen Fahrspur. Der Defender kommt an seine Grenzen, ich fahre ihn auf fast 4.000 Umdrehung über zwei Kilometer rückwärts bis ich eine Stelle finde, wo die Böschung etwas flacher abfällt. Ich nehme Anlauf, erster Gang in der Untersetzung, zweiter Gang, rechts die Böschung hoch. Wir werden immer langsamer und ich weiß, sobald ich die Kupplung trete und in den ersten Gang zurückschalte, bleiben wir sofort stecken. Mit letzter Kraft rollen wir auf den kleinen Pfad. Einmal tief Luft holen, ein Blick auf die Tanknadel zeigt allerdings, das ganze Manöver hat die Hälfte der Reserve verbraucht und es bleiben immer noch 40 Kilometer schwerstes off-road Gelände nach Sidi Ifni. Wir beschließen solange zu fahren, bis der Tank nahezu leer ist und dann mit den Reservekanistern loszulaufen. Ab und zu sehen wir kleine Fischerhäuser, meistens aber verschlossen und unbewohnt. Wir brauchen weitere zwei Stunden für die nächsten zehn Kilometer, als wir in der Ferne einen schwarzen Streifen am Horizont sehen. Teer. Wir retten uns mit dem letzten Tropfen Diesel nach Sidi Ifni und haben fürs erste genug Abenteuer. Abends essen wir an einem Fischrestaurant an der Straße und verderben uns beide den Magen, aber das nehmen wir nach dem Tag mit Humor.

Dann ist Elenas Urlaub nach fast drei Wochen on the road vorbei, von Agadir geht es zurück nach Deutschland. Auf einmal fahre ich alleine durch die Gegend, was sich ziemlich komisch anfühlt, wenn man immer in Gesellschaft ist. Daran werde ich mich in der Zukunft gewöhnen müssen, aber noch ist es nicht so weit.
Ich fahre nach Tamraght.30 Kilometer von Agadir, dort hat Mourad, ein marokkanischer Surfer, den ich vor drei Jahren im Senegal kennengelernt habe, ein Surfcamp eröffnet. Seitdem sind wir in Kontakt geblieben und ich bin super gespannt auf ihn und das Camp. Das letzte Mal als ich ihn gesehen hatte, hing er im Senegal fest, ohne Geld für einen Rückflug, ohne funktionierendes Handy, nur davon lebend Bildern von Surfern zu machen und sie an diese zu verkaufen. Mehr als 9 Monate steckte er so in Dakar fest, was seiner Laune aber niemals Abbruch tat. Ein wahrer Lebenskünstler. Als ich ankomme und ihn sehe, ist sofort alles wieder wie früher. Das dreistöckige Surfhostel ist voller marokkanischer Möbel, mit zwei Angestellten, super leckerer Küche und internationalen Topsurfern als Gäste. Und trotzdem fühlt es sich für durchgehend so an, als würde man nur mit guten Freunden abhängen. Sowohl Mourad, als auch die Angestellten wohnen im gleichen Haus, wir kochen und trinken zusammen, gehen morgens surfen und kommen erst abends wieder zurück, verbringen Flatdays serienschauend auf der Couch. So lerne ich auch Elias kennen, ein professioneller Surfer aus Marokko, mit dem ich fortan surfe, wenn Mourad keine Zeit hat. Über zehn Tage bleibe ich und genieße unter anderem jeden Tag eine heiße Dusche. Aber es kribbelt schon wieder und übermorgen landet endlich Nils in Agadir und es geht zusammen durch die West Sahara und Mauretanien bis in den Senegal.